Für die Mächtigen unserer Tage ist es offensichtlich immer wieder von Bedeutung, Gebietsforderungen, Macht oder Einfluss mit Hilfe von aus der Vergangenheit hergeleiteten Ansprüchen zu begründen. Wladimir Putin sieht sich beim Ukrainekrieg in der Tradition des Zarenreiches, Donald Trump führt seine eigene „Donroe-Doktrin“ in Venezuela auf vermeintliche Grundsätze des früheren US-Präsidenten James Monroe zurück. Doch derartige Konstruktionen zur Legitimation von Macht sind nicht neu, und in früheren Zeiten ging man dabei oft wesentlich elaborierter und kunstsinniger vor. Ein eindrucksvolles Beispiel für ein solches Selbstverständnis aus der bayerischen (und römisch-antiken) Vergangenheit durfte der Latein-Oberstufenkurs Q13 erleben, der sich mit seiner Kursleiterin OStRin Petra Bauer auf eine Exkursion zum Schloss Schleißheim nördlich von München machte.
Die Hauptperson, um die es dabei ging, war der Erbauer des Neuen Schlosses Schleißheim, Kurfürst Max Emanuel, der von 1679 bis 1726 Bayern regierte. Dieser hatte sich in jungen Jahren Kriegsruhm im Kampf gegen die Türken erworben, die ihn mit Anerkennung als „Blauen König“ bezeichneten. Daraus leitete er Ansprüche ab, auch im damaligen „Heiligen Römischen Reich“ eine gewichtige Rolle zu spielen und in Konkurrenz zu den regierenden Habsburgern zu treten. Wie dieser Herrscher sich nun in antiker Tradition stilisierte und was er damit in seiner politischen Gegenwart bezweckte, erlebten die Schülerinnen und Schüler bei einer Schlossführung durch Frau Bauer, die den Schülerinnen und Schülern bei einem Gang durch das Schloss das Bildprogramm des Kurfürsten in der Tradition von Vergils „Aeneis“ vorstellte. So ließ sich Max Emanuel im prächtigen Treppenhaus als „bayerischer Aeneas“ in der Waffenschmiede des Vulcanus mit bayerischem Wappenschild ganz in der Tradition des römischen Vorbildes darstellen, der eine große Zukunft seines Geschlechtes vor sich sieht. Diese Bezüge setzen sich im Großen Saal mit der Freskendarstellung des Zweikampfes von Aeneas und Turnus und im Viktoriensaal mit der Begegnung von Aeneas und Dido fort – ein besonderes Erlebnis für die Schülerinnen und Schüler, die sich intensiv mit der „Aeneis“ im Unterricht auseinandergesetzt und diese Geschichten im Rahmen der augusteischen Geschichtspolitik kennengelernt haben. Mit Erstaunen konnte die Gruppe den Gesamteindruck mitnehmen, wie stark die Antike auch im Absolutismus ganz konkreten Einfluss auf Politik und Machtstreben nehmen konnte, zumal damals immer wieder das „Heilige Römische Reich“ als Nachfolger des antiken Römischen Reiches im Sinne der „Translatio imperii“ aufgefasst wurde. Somit kann man in Schleißheim eine doppelte Zeitreise erleben – in die literarische Antike der Zeit des Augustus genauso wie in die Machtpolitik des 17. und 18. Jahrhunderts.
Wie sich die Ansprüche Max Emanuels, Bayern zu „römischer Größe“ zu führen, in der Realität umsetzen ließen, war eine andere Frage. Er scheiterte mit seinen hochtrabenden Plänen nach Königswürden für sich oder seine Familie grandios. Bayern wurde zeitweise von den ungeliebten österreichischen Konkurrenten besetzt und war finanziell am Ende seiner Herrschaft ruiniert. Auch konnte Schleißheim letztlich nie mit Versailles oder Schönbrunn mithalten, wie es Max Emanuel eigentlich vorgesehen hatte. Und so zeigt sich durchaus, dass auch noch so vehement vorgetragene Rechtfertigungen für Machtansprüche oft genug an Hybris oder schlicht der Wirklichkeit scheitern können.
