Ist vom „Trojanischen Krieg“ die Rede, sind damit zahlreiche Assoziationen und Bilder verbunden: der Streit der Göttinnen um den „Zankapfel“, der Raub der Helena und das jahrelange Kämpfen zwischen Griechen und Trojanern, starke Helden – Brad Pitts Darstellung des Achilles lässt grüßen – sowie das berühmte „Trojanische Pferd“, das heute noch in Abwandlung als „Trojaner“ für Schadsoftware herhalten muss und für die Eroberung Trojas durch die Griechen steht. Und dann? Nur wenig ist bekannt, wie die Geschichte des eroberten Trojas weitergeschrieben wurde, und doch gibt es diese Geschichte. Dass diese uns auch heute noch sehr viel über den Umgang des Menschen mit Krisensituationen zeigen kann, konnte eine Schülergruppe der Mittel-und Oberstufe des Robert-Koch-Gymnasiums beim Besuch des Balletts „Troja“ am Münchener Gärtnerplatztheater erleben. Für das Fach Latein hatte OStRin Petra Bauer den Besuch organisiert und im Unterricht vorbereitet.

Das moderne, 2024 uraufgeführte Ballett des Choreografen Andonis Foniadakis, bei dem Arvo Pärt, Bryce Dessner und Julien Tarride die Musik komponierten, orientiert sich an der Tragödie „Die Troerinnen“ des griechischen Dramatikers Euripides aus dem 5. Jhdt. v.Chr. und nimmt  die Frauen des zerstörten Troja in den Blick, die klagend einer ungewissen Zukunft zwischen Versklavung und drohendem Tod – ganz abhängig von der Willkür der Sieger – entgegensehen. Die Ballettversion von „Troja“ transportiert diese Ausgangssituation nun in die Moderne. Charaktere wie Helena oder Andromache verschwinden gänzlich aus dem Blickfeld, gleichsam als Vorbote des Verschwindens des Individuums in einer Masse, das dem heutigen Betrachter aus den zahlreichen Kriegen und Konflikten des 20. und 21. Jahrhunderts nur allzu bekannt vorkommen mag, gleichzeitig aber auch viele Assoziationen zulässt. Nur eine Figur bleibt letztlich übrig: Astyanax, der Sohn der Andromache, stellt als Kind die Zukunft dar und gleichzeitig eine Lebensphase, in der der Mensch noch ganz bei sich ist – die soziale Einbindung wird dies ändern. Die Choreografie der Tänzerinnen und Tänzer kommt gerade durch das sehr reduzierte, mit zahlreichen geometrischen Figuren arbeitende Bühnenbild immer wieder besonders ausdrucksstark zur Geltung. Ihr Übriges tut dabei die Gestaltung der Klangwelten des Komponisten Julien Tarride, dessen „akusmatisches“ Sounddesign reduzierte, aber immer wieder überraschende Klangwelten erzeugt. Folkloretänze stellen ein gewisses Gegengewicht dar, indem sie wiederum ein Gemeinschaftsgefühl der in jeglicher Hinsicht „enttäuschten“ Trojanerinnen erzeugen.

Somit ergab sich insgesamt ein sehr eindrucksvoller Abend für die Schülerinnen und Schüler des Robert-Koch-Gymnasiums, der – ganz im Sinne der Moderne, aber auch der klassischen Tragödie und ihrem „Katharsis“-Konzept – zahlreiche Fragen der Beschäftigung des Menschen mit seinem Dasein aufwarf – und dies in einer Zeit, die stark von Konflikten, der Frage nach Identität in einer Gemeinschaft geprägt ist. Umso besser, wenn dabei auch noch die alte Geschichte des „Trojanischen Krieges“ um seine eher unbekannten Seiten erweitert wurde.