Gäste wie Götter und Begegnungen mit Indiens Bildungswelten 

StDin Sonja Würf besucht Partnerschulen und Bildungsprojekte in Indien 

 

Diesmal beginnt meine Indienreise in Mumbai – im Hauptquartier der VIBGYOR-Schulgruppe. Mehr als 200 Mitarbeiter arbeiten hier in einem riesigen Großraumbüro an neuen Konzepten und Projekten. Der Eintritt ist nur über Face-ID möglich: Hier treffen Schule, Technik und indischer Zukunftsoptimismus aufeinander. Bis Ende 2030 möchte die Schulgruppe auf 100 Schulen in ganz Indien wachsen. 

Zu VIBGYOR gehört auch die Marathahalli High School in Bangalore, Partnerschule des Robert-Koch-Gymnasiums. Unsere Schülergruppen besuchen sich abwechselnd in Indien und Bayern und arbeiten gemeinsam an Projekten. Die VIBGYOR-Schulen sind internationale Privatschulen, deren Schülerinnen und Schüler unter anderem Abschlüsse nach Cambridge-Lehrplänen erwerben können, die jedem internationalen Vergleich standhalten.  

Doch unser Austausch reicht über die Partnerschulen hinaus. Sowohl die indischen als auch die bayerischen Schulen organisieren regelmäßig Basare und Spendenaktionen. Hier kommt unser dritter Partner ins Spiel: „Lehrer ohne Grenzen“ e. V., der Bildungsprojekte für benachteiligte Kinder unterstützt. So verbindet unsere Zusammenarbeit Schüleraustausch mit konkreter Bildungsförderung. 

Während meines Aufenthalts besuche ich zwei weitere VIBGYOR-Schulen, die ebenfalls Interesse an einem Austausch mit einer bayerischen Schule haben. Besonders spannend ist für uns, dass die Schulen verschiedene Altersstufen umfassen. Damit eröffnen sich Möglichkeiten für weitere Partnerschaften – von Grundschulen bis zu weiterführenden Schulen und Universitäten.  

Und dann erlebe ich etwas, von dem ich schon oft gehört habe: In Indien werden Gäste wie Götter behandelt. Vorlieben und Geschmäcker werden beiläufig erfragt – und wenig später steht plötzlich ein sorgfältig ausgewähltes Geschenk vor der Tür. Essen, Musik, Tanz, Zeit: Was man hat, wird geteilt. Diese Gastfreundschaft begleitet mich durch die gesamten zwei Wochen. 

Eine andere Bildungswelt 

Einer der eindrücklichsten Tage meiner Reise führt mich nach Dharavi, eines der größten und bekanntesten Slumgebiete Asiens. Dharavi besteht aus Wohngebieten und einem riesigen produzierenden Gewerbegebiet. 

Dort fühle ich mich stellenweise in eine andere Zeit versetzt. Ein Gewirr aus engen Gassen und dunklen Räumen, Bäcker, Färber, Schneider, Plastiksortierer, Gerber und Keramiker Tür an Tür. Krishna, mein Fremdenführer und gleichzeitig Leiter unseres Bildungsprojekts in Dharavi, kennt hier gefühlt jeden. Wir kommen nur langsam vorwärts. Immer wieder bleibt er stehen, begrüßt jemanden, fragt nach der Familie oder bespricht ein Problem. 

Im Viertel der Keramiker steht ein Brennofen mitten in der Gasse. Rauch dringt aus Ritzen und Abdeckungen, bis uns die Augen tränen und die Sicht genommen wird. Eigentlich möchte Krishna hier noch mit einer Familie besprechen, wann deren Tochter ihre Ausbildung zur Touristenführerin beginnen kann. Doch blind vom beißenden Rauch verschiebt sich die Absprache auf später. 

Ein paar Türen weiter erscheint eine Kundin bei den Färbern. In der Hand hält sie einen Fetzen gelben Stoffes. Genau diesen Farbton möchte sie – zwölf Meter davon. Der Färbermeister und seine Mitarbeiter beraten sich kurz, schütten Pigmente nach Augenmaß in einen Zuber und beginnen kräftig zu rühren. Kein Computer, keine Farbcodes. Wenig später hängt die bestellte Stoffbahn im gewünschten Gelb zum Trocknen auf der Leine. 

Viele der Arbeiter, erfahre ich, stammen aus umliegenden Dörfern und verdienen hier zusätzliches Geld für ihre Familien. Eine eigene Unterkunft haben viele nicht. Geschlafen wird zwischen Säcken, Regalen und Waren irgendwo im hinteren Teil der Produktionsräume. 

Dann kommen wir zu Krishnas ganzem Stolz: dem Bildungsprojekt seiner NGO „Next Step: Learning“. Hier erhalten Kinder und Jugendliche Englischunterricht. 

Krishna erzählt von einer Erfahrung, die ihn zunächst selbst überrascht hat. Anfangs wurden die Englischkurse kostenlos angeboten. Doch viele Kinder kamen unregelmäßig, und manche Familien nahmen das Angebot nicht zuverlässig wahr. Seit für den Unterricht ein kleiner monatlicher Beitrag von 750 Rupien – umgerechnet etwa 7,50 Euro – bezahlt wird, habe sich die Verbindlichkeit deutlich erhöht. Die Schülerinnen und Schüler kommen regelmäßiger und lernen kontinuierlicher. 

Stolz zeigt mir Krishna den Einstufungstest für die Englischkurse. Wer beispielsweise die auf Englisch gestellte Frage „Wie heißen deine Eltern?“ noch nicht versteht, beginnt mit den Grundlagen. Fortgeschrittene werden anderen Kursen zugeordnet, die sie gezielt auf Beruf oder Universität vorbereiten. 

Indien ist ein Land von enormer sprachlicher Vielfalt. Für Studium und viele berufliche Wege spielt Englisch eine entscheidende Rolle. Für die Schülerinnen und Schüler unserer internationalen Partnerschule Marathahalli ist Englisch als Unterrichtssprache selbstverständlich. Für Krishnas Schülerinnen und Schüler in Dharavi und den umliegenden Dörfern kann dieselbe Sprache zum entscheidenden Schlüssel für weiterführende Bildung und Beruf werden. 

Hier schließt sich für mich der Kreis zwischen Schüleraustausch und Bildungsförderung. 

Vom Gast zur Kollegin 

Die letzten Tage meiner Reise verbringe ich dort, wo unsere Zusammenarbeit längst Alltag geworden ist: an unserer Partnerschule in Bangalore. 

Drei Tage bin ich in verschiedenen Klassen unterwegs, hospitiere unter anderem im Geographieunterricht und stelle selbst den nächsten Schüleraustausch mit Bayern vor. Vor allem möchte ich erfahren, was die indischen Jugendlichen interessiert und was sie von ihren deutschen Austauschpartnern wissen möchten. 

Schon am zweiten Tag werde ich auf den Gängen gegrüßt. Schülerinnen und Schüler setzen sich in der Cafeteria zu mir oder stecken mir kleine Zettel zu, auf denen sie ihre Ideen und Vorschläge für den nächsten Austausch notiert haben.  Bingo – Berührungsängste abbauen, ins Gespräch kommen. Das hatte ich mir erhofft.  

Und auch die Perspektive der Kolleginnen und Kollegen darf ich kennenlernen. Ich nehme an einer schulinternen Veranstaltung mit Basketball und Workshops teil und sogar an einer Lehrerfortbildung zum Einsatz künstlicher Intelligenz im Unterricht. Plötzlich bin ich nicht mehr nur Besucherin, sondern für einige Tage ein kleines Stück Teil des Schullebens. 

In eine andere Kultur eintauchen, nicht nur zuschauen, sondern sich einbringen, Fragen stellen und voneinander lernen – eigentlich genau das, was auch unsere Schülerinnen und Schüler während ihres Austauschs erleben.